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Discovering the Nanoscale

Veranstalter: Prof. Dr. Alfred Nordmann, TU Darmstadt, University of South Carolina

Datum, Ort: 20.03.2003-23.03.2003, University of South Carolina

Bericht von: Astrid E. Schwarz (Darmstadt)
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An der Tagung „Discovering the Nanoscale“ in Columbia, South Carolina (USA) wurde der „Nanoscale“ aus der Perspektive der Wissenschaftsforschung nachgespürt. Doch bevor ich von diesen Erkundungsgängen berichte, möchte ich kurz das Umfeld und die Entstehung des „NanoCenter“ an der University of South Carolina skizzieren, der gewissermaßen den Rahmen für die Tagung abgab. Die Organisatoren und Teilnehmer sind teilweise mit dieser Institution verbunden und die Tagung ist Teil einer auf längere Zeit angelegten Veranstaltungsreihe, begleitet von Forschungs- und Publikationsaktivitäten. So findet vom 10. – 12. Oktober 2003 an der Technischen Universität in Darmstadt eine Tagung statt, die an jene in Columbia anschließt. Ich komme darauf noch einmal zurück am Ende des Berichtes.

Festzuhalten ist zunächst, dass „Nano“ in den letzten Jahren zu einem Modewort geworden ist und als Vorsilbe zur Bezeichnung völlig divergenter gesellschaftlicher Bereiche („Nanowissenschaft“, „Nanotechnik“, „Nanoventure“, „Nanoart“), von Gegenständen („nanobot“, „nanoelectronics“) und Tätigkeiten („nanoprägnieren“) begegnet. Die „Nanoscale“ weckt gleichermaßen Hoffnung wie Skepsis, erzeugt hochfliegende Erwartungen und Angst vor der Zukunft. Die wissenschaftliche und technologische Entwicklung im Nanobereich hat ein rasantes Tempo aufgenommen, in den USA und der EU entstehen Forschungszentren und Technologieparks, die auf massive finanzielle Ressourcen und breite politische Unterstützung zurückgreifen können. Die „US National Science Foundation“ (NSF) prognostiziert, dass ab 2015 der Markt für „Nanoscale-Produkte“ etwa 1 Trillion Dollar pro Jahr erreichen wird, mit Schwerpunkten im Agrarsektor sowie der Arznei- und Nahrungsmittelindustrie (www.etcgroup.org). Die Werbung um die Gunst der gesellschaftlichen Öffentlichkeit gegenüber der neuen Technologie ist, jedenfalls in den USA, bereits in vollem Gange. So ist in der Hochglanzbroschüre „Nanotechnology – Shaping the World Atom by Atom“, 1999 vom NSF veröffentlicht zu lesen: „If present trends in nanoscience and nanotechnology continue, most aspects of everyday life are subject to change.“ (itri.loyola.edu/nano/WGN.Public.Brochure).

Auch an der Universität von South Carolina wurde 2001 ein „NanoCenter“ gegründet dem noch im selben Jahr die Gründung der „Working Group for the Study of Philosophy and Ethics of Complexity and Scale (SPECS)“ folgte. Ziel der Arbeitsgruppe ist „to develop a scientifically, philosophically and ethically informed understanding of the critical developments of the sciences and technologies that are set to define and transform the 21st century: nanoscience and nanotechnology, robotics, genetic engineering, earth systems science, the study of complex and autocatalytic systems“ (www.cla.sc.edu/cpecs/). SPECS war die erste, an einer Universität angesiedelte interdisziplinäre Initiative in den USA, die sich einer genaueren Untersuchung dieses neuen, sich in Wissenschaft und Technik inflationär ausbreitenden Forschungsfeldes widmete. Finanziell unterstützt wird die Initiative, mittlerweile zum „Nanoscale Interdisciplinary Research Team“ – kurz NIRT - geworden, seit Ende 2001 von der US-amerikanischen Forschungsförderung (NSF).
Oberstes Ziel des NIRT ist es, „to create an integrated and participatory model to facilitate public understanding of nanoscale science and technology“ (www.cla.sc.edu/cpecs/nirt/nirt.html). Die folgenden vier Aufgabengebiete wurden ausgemacht: 1. Verstehen und Kontrollieren des experimentellen und theoretischen Verständnisses der „Nanoscale“-Phänomene; 2. Analyse der Visualisierungsprozesse, der imaginativen und instrumentellen Begriffsbildungen bei der Gegenstandskonstitution; 3. Untersuchung unerwarteter Folgeerscheinungen oder Kaskadeneffekte, wobei insbesondere auf Analogien von Gentechnologie und Nanotechnologie fokussiert wird; 4. Problem der Vermittlung von Nanowissenschaft und –technologie in der Öffentlichkeit, einschließlich der Auswirkungen auf der rechtlichen und politischen Ebene.

Die internationale Tagung „Discovering the Nanoscale“ begann am Donnerstag 20. März mit einer Podiumsdiskussion über den Roman „Prey“ (2002) von Michael Crichton und endete am Sonntag 23. März mit einer Plenumsdiskussion. Alle vier von NIRT thematisierten Aufgabengebiete wurden zumindest teilweise angeschnitten. Die Tagung wurde organisiert von Davis Baird (University of South Carolina(USC)), Alfred Nordmann (USC und Technische Universität Darmstadt) und Joachim Schummer (USC und Universität Karlsruhe). Die etwa 70 angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmer kamen aus den unterschiedlichsten Fachgebieten der Natur-, Geistes- und Sozialwissenschaften, Zeugnis der Offenheit und sorgfältigen Tagungsvorbereitung. Die Abstracts der einzelnen Vorträge standen als Diskussionsgrundlage zur Verfügung (www.cla.sc.edu/cpecs/nirt/events/conf03/abstracts.html), teilweise lagen auch Manuskripte der jeweiligen Vorträge vor.

Der nahezu gleichzeitige Beginn des Irakkrieges ("shock and awe") blieb nicht ohne Auswirkungen auf die Tagung, am deutlichsten vielleicht sichtbar in der Traubenbildung vor einem großen Fernsehbildschirm jenseits des Konferenzraumes in den Pausen. Zwei der deutschen Teilnehmer wollten (aus teils moralischen und teils sicherheitstechnischen Gründen) nicht anreisen und einer der amerikanischen Teilnehmer traf erst verspätet ein, da er die Tage zuvor Protestaktionen organisiert hatte. Ein ausführlicher Tagungsbericht wurde von Joachim Schummer erstellt und ist unter www.cla.sc.edu/cpecs/nirt/events/conf03/report/index.html abrufbar. Das vollständige Programm und die Teilnehmerliste finden sich ebenfalls unter www.cla.sc.edu/cpecs/nirt/events/conf03. Ich werde mich im Folgenden vor allem auf eine Darstellung jener Aspekte der Tagung konzentrieren, die in Hinsicht auf die kommende Tagung in Darmstadt von Interesse sein könnten.

Die Podiumsdiskussion über Michael Crichtons Bestseller bildete den gut besuchten Auftakt zur Tagung. Erzählt wird in „Prey“ die Geschichte von außer Kontrolle geratenen Artefakten, mit Bakterien verschmolzenen programmierbaren Nanopartikeln, die sich in super-intelligente Monster verwandeln und gegen alles Lebende ins Feld ziehen. Weitgehende Einigkeit bestand auf dem Podium darüber, dass der Roman von Michael Crichton - Kinoregisseur, Drehbuchautor und ehemaliger Mediziner in einer Person – keine große Literatur sei. Bemängelt wurde etwa die unbefriedigende, als falsch kritisierte Darstellung naturwissenschaftlicher Grundlagen (Rick Adams, Chemistry & NanoCenter, USC), es wurde auf die Kultivierung einer diffusen Technik- und Wissenschaftsangst hingewiesen, die sich in populistischer Manier von der nach „September eleven“ latenten Angst vor Terrorismus, dem Fremden schlechthin nähre (Alfred Nordmann, Philosophy, USC & TUD), oder es wurde die bei „Nano“ scheinbar verstärkt zu beobachtende Auflösung der Grenze zwischen Technik und Wissenschaft problematisiert, in Folge derer die Wissenschaft zum „warehouse for technology“ degradiert werde (Liz Stillwaggon, Santa Rosa Junior College, Columbia). Mehrfach wurde die Schwierigkeit und Brisanz der gesellschaftlichen Popularisierung von „Nano“ angesprochen (Rick Stephens, Journalism, USC), die aber gleichzeitig auch für notwendig erachtet wurde im Sinne der kontrollierten Gestaltung von Technik in einer demokratischen Gesellschaft. In der anschließenden lebhaften Diskussion und den rasch aufscheinenden Oppositionen wurde ein Netzwerk von Bezügen gesponnen, das Neugierde und Erwartungen auf die eigentliche Tagung stimulierte.

Diese begann am Freitag mit zwei Sektionen über Epistemologie und Methodologie, in denen auf der Basis philosophischer und historischer Analysen die Wissenschaft und Technik der „Nanoscale“ exploriert wurden. Als roter Faden zog sich die Reflexion auf die Bedeutung von Bildern durch die Vorträge und anschliessenden Diskussionen. „Is it possible to see the thing without touching it?“ (Davis Baird & Ashley Shew, USC) wurde etwa gefragt, die Rolle von Instrumenten im Visualisierungsprozess erörtert (Joseph C. Pitt, T.W. Staley, beide Philosophy, Virginia Tech; Cyrus Mody, STS Cornell University; Arne Hessenbruch, Dibner Institute) und die Herstellung von Evidenz durch Bilder diskutiert. Im Mittelpunkt des Vortrags von Johannes Lenhard stand die Verortung des hybriden Status der Simulation zwischen Theorie und Experiment, Otavio Bueno (USC) interessierte sich für die Analogien zwischen Automaten und lebenden Organismen hinsichtlich der Idee der Selbstorganisation. Alfred Nordmann warf in seinem Vortrag die Frage nach dem Forschungstyp (ortsbezogen versus problemorientiert) der „Nanoscale“-Forschung auf, die in der Diskussion kontrovers verhandelt wurde und in die Frage nach der Neuartigkeit dieser Forschung mündete. Den ersten Hauptvortrag der Tagung mit dem Titel „Lilliput Politics: Staging the exploration of 'the endless frontier'“ hielt Hans Glimell (STS, Göteborg Universität). Das „nanofield“ als durch verschiedene Erzählungen und Erzählstrategien konstituiertes zu charakterisieren („bringing nano in techno-babble“), war zunächst das Ziel des Vortrags. Im zweiten Teil widmete sich Glimell der Problematik des Anspruchs von Forschungsfreiheit in einer demokratischen und wissenschaftlich informierten Gesellschaft (Vergleich USA und EU), insbesondere entlang der Konzepte vom „collective experiment“ (M. Callon) und vom „informed dissent“ (S. Jasanoff). An den Schluss seines Vortrags stellte er die provokative Frage „What should STS fellows do?“, die für eine entsprechend inspirierte Diskussion sorgte.

Der Samstag morgen begann mit einer Sektion über „Interdisciplinarity and the Science-Technology Relation“. Gregor Schiemann (Philosophie, Tübingen) stellte Reflexionen über die Bedeutung der Dichotomie von Natur versus Technik für das Alltagsleben ins Zentrum seines Vortrags. Er untersuchte den möglichen Einfluss der Nanotechnologie auf diese Dichotomie, indem er drei Positionen skizzierte, deren spekulativste die Notwendigkeit einer „new conception of nature“ in Folge der gesellschaftlichen Relevanz der Nanotechnologie vorschlug. Auf der Basis einer empirischen Literaturstudie kommt Joachim Schummer (USC & Universität Karlsruhe) zu dem Ergebnis, dass die aktuelle „Nanoscale“-Forschung weniger inter- denn multidisziplinär ist, und dass das schiere Maß „Nano“ nicht ausreicht um die zahlreichen unter diesem Label figurierenden Ansätze zu integrieren. George Khushf vertrat die These, dass mit einem systemtheoretischen Ansatz die unterschiedlichen disziplinären Kulturen überbrückt werden könnten, insbesondere die zwischen Nanotechnologie und Genetik. Die folgende Sektion „Science & Technology Policy“ wurde von Ann Johnson (History, Fordham University) und Jody A. Roberts (STS, Virginia Tech) bestritten. Beide beschäftigten sich mit der Bedeutung der Legislative für die Ausbreitung der „Nanoscale“-Forschung, wobei Johnson mehr auf die historische Entwicklung einging, während Roberts verschiedene Aspekte der Risikofolgenabschätzung ausführte, ausdrücklich vor dem „myth of technological determinism“ warnend. In der Sektion „Rhetoric and Beliefs“ wurden aus literaturwissenschaftlicher (David M. Berube, USC) und anthropologischer (Rosalyn W. Berne, Virginia) Perspektive die Bedeutung und Wirkung von Metaphern, verschiedenen Erzählstrukturen sowie im Kontext der „Nanoscience“-Forschung auftauchende Mythen und ihre Tradierung untersucht. Die letzte Sitzung war der Ethik und Bewertungsproblematik gewidmet. Mark Gubrud (Physics, University of Maryland) konfrontierte das Plenum mit einem bedrohlich anmutenden Szenario der militärischen Anwendung der Nanotechnologie (www.darpa.mil/dso/thrust/biosci/brainmi.htm) und forderte, damit in Opposition zu James Moore (Philosophy, Dartmouth College), dass die Ethik der technologischen Entwicklung vorangehen solle. Ed Munn (USC) und Michael Gorman (University of Virginia) präsentierten jeweils Modelle, wie genau ethische und soziale Aspekte bei der Entscheidungsfindung über Nanotechnologie berücksichtigt werden könnten. Gorman führte in diesem Zusammenhang den Begriff der „shared mental world“ ein. Die Tagung endete am Sonntag mit dem zweiten Hauptvortrag, gehalten von Emanuelle Boubour (Carbon Nanotechnology Lab, Houston), der den vielversprechenden Titel „Perception of risk and nanotechnology: How safe is safe enough?“ trug, aber nicht recht über allgemeine Statements hinauskam, die Nanotechnologie als eine völlig normale, leider gesellschaftlich verkannte Technologie darstellend.

Für die abschließende Plenumsdiskussion, geleitet von Alfred Nordmann, hatten die Organisatoren eine Art Questionnaire „Review and Preview“ vorgelegt, das sich als sehr hilfreich bei der allgemeinen Diskussion erwies. Es wurden zahlreiche Ideen zu formalen und inhaltlichen Aspekten vorgetragen, von denen die zweite anschließende Tagung „Discovering the Nanoscale“ in Darmstadt profitieren wird. Diese Tagung findet vom 9. – 12.10.2003 an der Technischen Universität in Darmstadt (TUD) statt und schließt insofern direkt an die Tagung in Columbia (SC) an, als die dort bereits gehaltenen Vorträge noch einmal ausführlich, nun in schriftlicher Form vorliegend, in sogenannten Werkstattgesprächen mit den AutorInnen diskutiert werden. Es wird jedoch in den nachmittäglichen Sektionen auch genug Raum für die Präsentation neuer und die Entfaltung bisher nur randständig behandelter Themen sein. Bei der inhaltlichen Ausarbeitung der Sektionen ist die Zusammenarbeit mit Organisationen vor Ort vorgesehen wie etwa dem Darmstädter Zentrum für Interdisziplinäre Technikforschung (ZIT), der Interdisziplinären Arbeitsgruppe Naturwissenschaft, Technik und Sicherheit (IANUS) sowie dem Karlsruher Institut für Technikfolgenabschätzung (ITAS).
Wie auch in Columbia wird es in Darmstadt einige eingeladene Hauptvorträge über 40 bis 50 Minuten geben, außerdem sind zwei Abendveranstaltungen geplant, in denen der Kontakt zu lokalen Unternehmen (z.B. Merck) und Technikinstituten der TUD geknüpft werden soll, die sich mit Nanotechnologie beschäftigen. Im Gegensatz zur eigentlichen Tagung, in der Englisch die Hauptsprache sein wird, sollen die Abendveranstaltungen vornehmlich deutschsprachig sein.
Weitere Informationen zur Darmstädter Tagung, etwa die Termine zur Anmeldung von Sektionen oder Vorträgen betreffend, sind auf der Homepage des Instituts für Philosophie zu finden bei Prof. Dr. Alfred Nordmann (www.ifs.tu-darmstadt.de/phil/nordmann).