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Technik und Spiel als Thema der Technikgeschichte

Stefan Poser

Obwohl "Spiel" zu den klassischen wissenschaftlichen Themen gehört und in mehreren Disziplinen zahlreiche Abhandlungen entstanden sind, wurden Bezüge von Spiel und Technik bisher kaum untersucht. Vor dem Hintergrund der boomenden Freizeitindustrie wird jedoch klar, in welchem Maße gerade diese Bezüge an Bedeutung gewonnen haben. Ziel des Vortrags ist es, deutlich zu machen, dass "Technik und Spiel" ein fruchtbares Themengebiet für die Technikgeschichte ist.

Das Spiel (in seiner ursprünglichen Bedeutung wohl "Tanz") folgt eigenen, gegenüber anderen Verhaltensbereichen abgegrenzten Regeln; es vollzieht sich im Idealfall frei von äußeren Zwecksetzungen und Zwängen und erschließt dem Menschen damit einen Bereich der Freiheit und der Offenheit des individuellen Handeln. Spiel bedarf seinerseits eines Freiraumes, anders formuliert der Gelegenheit zur Muße. Spiel bedeutet folglich eine Ausnahmesituation; durch das Spiel entsteht eine eigene Welt, eine Gegenwelt zum Alltag. Dabei ist es insbesondere das Changieren des Spiels zwischen Freiheit und dennoch vorhandenen Zwängen bzw. Einflüssen, das eine Auseinandersetzung mit dem Thema interessant erscheinen lässt. Begriffe wie "Freizeitindustrie", "Spielautomat" oder "Computerspiel" verdeutlichen, dass sowohl Spiel als auch Freizeit auf verschiedenen Ebenen durch Technik geprägt sind. Ein Blick in einen Spielzeugladen oder ein Sportgeschäft bestätigt dies ebenso wie die Betrachtung von Kulturveranstaltungen oder Sportereignissen. Musik wird heute vielfach am Computer komponiert und mit Hilfe von Elektronik aufgeführt, ein Feuerwerk basiert auf Erfahrung im Umgang mit Pyrotechnik und der Sieg in einem sportlichen Wettkampf wird nicht nur durch Kraft und Geschick, sondern durch die Auswahl des geeigneten technischen Equipment (wie Schuhe, Fahrrad, Skier) bestimmt. Auch eine Wanderung durch abgelegene, zivilisationsferne Gebirgsgegenden ist hiervon nicht ausgenommen: Diese Wanderung wird erst durch Technik (Anreise, Schuhwerk etc.) ermöglicht (bzw. erleichtert) und erhält ihren spielerischen Charakter dadurch, dass sie, verkehrstechnisch gesehen, nicht notwendig ist. Ihre besondere Bedeutung als Erholungsmöglichkeit hängt eng mit dem Erlebnis der Bergwelt als Gegenwelt zum (technisierten) Alltag zusammen. Letztlich zeigt sich, dass die Entwicklung von Spiel, Freizeit und Tourismus in ähnlich starkem Maße durch Technik geprägt ist, wie die Arbeitssphäre. Die Gegenwelten Alltag und Spiel haben also eine Gemeinsamkeit in dem ähnlich hohen Grad des Durchdrungenseins von Technik. Folglich ergibt sich ein ähnlich fruchtbares Untersuchungsfeld. Bei ihm ist allerdings - so die These - der Bezug der spielerisch handelnden Menschen zur Technik ein gänzlich anderer als unter Arbeitsbedingungen.